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Blick in die Ausstellung der Terrakotten
Blick in die Ausstellung der Terrakotten
Blick in die Ausstellung der Terrakotten

Die Motive der Terrakotten

Die Figurenwelt aus Zizenhausen ist äußerst vielfältig: Anton Sohn und seine Nachfahren schufen zunächst vor allem Krippen und religiöse Szenen. Unter dem Einfluss eines Basler Kunsthändlers weiteten Sie ihr Programm bedeutend aus und produzierten etwa den 42-teiligem Basler Totentanzes, bissige Karikaturen aus Deutschland und Frankreich, berühmte Persönlichkeiten, Zwerge und ein groteskes Orchester, die Schweizer Kantonstrachten, Szenen aus dem Alltag oder der Literatur und vieles mehr. Einige ausgewählte Motive stellen wir hier vor.

Jeder ist sterblich: "Der Tod und der Koch" aus dem Basler Totentanz

Terrakotte: „Tod und Koch“ aus dem Basler Totentanz, Inv. 243-0031
Terrakotte: „Tod und Koch“ aus dem Basler Totentanz, Inv. 243-0031

Als die Pest im Spätmittelalter ein Drittel der Bevölkerung dahinraffte, wurden Abbildungen des Totentanzes populär. Sie sollten deutlich machen, dass der Tod jeden treffen konnte – egal ob Kaiser oder Koch. Eine eindrückliche Darstellung befand sich an der Friedhofsmauer des Basler Dominikanerklosters. Nachdem die Mauer 1805 abgerissen wurde, fertigte Anton Sohn um 1822 den Basler Totentanz in 42 Figurengruppen an. Als Vorlagen dienten ihm Radierungen von Matthäus Merian, die er mit großer Kunstfertigkeit dreidimensional umsetzte. Die Figuren verkauften sich äußerst gut und waren auch mit englischer oder französischer Beschriftung erhältlich. Bei unserem Beispiel sagt der Tod zum Koch „Komm her Hans Koch du mußt davon, wie bist so feist [dick], du kannst kaum gohn. Hast du schon kocht viel süßer Schleck, wird dir jetzt saur, du mußt hinweg.“ Der Koch antwortet: „Ich hab kocht Hühner, Gäns und Fisch, Meim Herren vielmal über Tisch. Wildbrät, Pastet und Marziban: O weh meins Bauch, ich muß davon.“

Trachten und Alpen als Erfolgskombination: Die Kantonstrachten

Schweizer Kantonstrachten, Große Gruppe: Terrakotte „Glarus“, Inv. 243-0042
Schweizer Kantonstrachten, Große Gruppe: Terrakotte „Glarus“, Inv. 243-0042

Trachten waren im 19. Jahrhundert schwer in Mode. Viele der heute bekannten Trachten wurden erst damals zusammengestellt. Anton Sohn fertigte nach Vorlage eines farbigen Trachtenbuchs insgesamt mehr als 100 verschieden große Trachtenfiguren zu allen Schweizer Kantonen. Die Gruppe mit Trachten des Kantons Glarus ist ein typisches Beispiel. Die Kleidung mit Mustern und Faltenwurf wird mit großer Liebe zum Detail umgesetzt. Auch Tiere und Handwerksgeräte sind immer wieder zu sehen. Die Szenen selbst sind durchaus gewitzt: Hier etwa flirtet das Trachtenpaar so intensiv miteinander, dass beide ihre eigentlichen Aufgaben vergessen. Neben den Schweizer Trachten entstanden auch Tiroler Trachtengruppen: Gemsjäger hoch über dem Abgrund, Männer und Frauen im Wirtshaus, ein Handschuhhändler… Sie passen zu der im 19. Jahrhundert in Deutschland, Frankreich und England aufkommenden Begeisterung für die Alpen als Urlaubsort und insbesondere fürs Bergsteigen.

Eine Karikatur zum genau hinschauen: „Der Ärztestreit“

Der Ärztestreit, Inv. 243-0083
Der Ärztestreit, Inv. 243-0083

Eine der humorvollsten Terrakotten ist die Gruppe der Ärztestreit. Ganz wortwörtlich auf dem Rücken eines gequälten Patienten tragen der Allopath (heute würde man vom Schulmediziner sprechen) und der Homöopath ihren Streit über die richtige Behandlungsform aus. Dabei vergessen sie auch, was ihre „Kunst“ eigentlich ausmacht. Der Schulmediziner mit Spritze in der Tasche zertritt nebenbei seine Lehrbücher, der Homöopath wirft eine Reihe von Gefäßen um. Auch wenn beide Ärzte nicht sonderlich gut wegkommen, wird insbesondere der Schulmediziner negativ gezeichnet: Er trägt eine altmodische Perücke und einen langen Frack und versucht mit einem ellenlangen Rezept und einer Medizinflasche zu beeindrucken. Der Homöopath dagegen ist modern gekleidet. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte die von Samuel Hahnemann entwickelte Homöopathie viele Anhänger gefunden. Wer genau hinschaut kann übrigens sogar den Text an der Flasche des Schulmediziners entziffern: „Alle 2 Stunden ist 1 Löffel voll zu nehmen.“

„Die Goldschaber“ zeigen den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts

Terrakotte: Die Goldschaber, Inv. 243-0131
Terrakotte: Die Goldschaber, Inv. 243-0131

Eine Reihe von Terrakotten zeigt in karikaturhafter Überspitzung, wie man im 19. Jahrhundert über das Judentum dachte: Jüdische Händler feilschen um einen guten Preis für Kühe und Ziegen, ein bärtiger Rabbiner predigt in der Schule, ein jüdischer Händler versucht Waren am Zoll vorbeizugschmuggeln… Viele dieser Darstellungen bedienen antisemitische Vorurteile und stellen die Juden mit vermeintlich typischen Eigenschaften wie Hakennasen dar. Am deutlichsten wird die weit verbreitete Verurteilung von Juden in der Terrakotte „Die Goldschaber“. Mit Feile und Schere reiben mehrere Juden das Gold vom Münzrand ab und stecken dieses als Gewinn in die eigene Tasche. Die Goldmünzen dagegen verlieren an Wert. Verstärkt wird die Wirkung der Terrakotte durch die Unterschrift „Üb immer Treu und Redlichkeit“. Ob Anton Sohn selbst antisemitisch dachte, lässt sich aber kaum sagen: Wie viele andere Terrakotten gehen auch die meisten Judenkarikaturen auf Bildvorlagen des Basler Malers Hieronymus Hess zurück.

Bissige Kritik am französischen König: Die Invaliden-Karikaturen

Terrakotte: „Die Invaliden oder Undank ist der Welten Lohn“, Inv. 243-0144
Terrakotte: „Die Invaliden oder Undank ist der Welten Lohn“, Inv. 243-0144

Der Basler Kunsthändler Brenner versuchte die Zizenhausener Terrakotten auch auf dem französischen Markt zu verkaufen. Er vermittelte Anton Sohn deshalb Vorlagen französischer Zeichner. So karikieren die derzeit im Zizenhausener Rathaus ausgestellten Mayeux-Figuren das Leben im Paris der 1830er-Jahre. Andere Terrakotten setzen sich kritisch mit der Politik Karls X. (König von 1824-1830) auseinander. Er hatte 18.000 Offiziere aus der Armee entlassen. Viele der entlassenen Soldaten lebten in bitterer Armut und waren an Armen und Beinen invalide. Die Kritik auf den Punkt bringt die Gruppe „Die Invaliden oder Undank ist der Welten Lohn“. Zwei an Armen und Beinen verkrüppelte Veteranen schlagen sich als Bänkelsänger auf einem Jahrmarkt durch. Auf der von ihnen getragenen Tafel wird der alte Mühlesel von Kindern verspottet und der lahmende Jagdhund von seinem Herrn erschossen. Lapidar kommentiert der angebrachte Text: „Lohn für geleistete Dienste“.

Sieben tollpatschige Schwaben kämpfen gegen ein Untier

Terrakotte: „Die sieben Schwaben“, Inv. 243-0078
Terrakotte: „Die sieben Schwaben“, Inv. 243-0078

Anton Sohn hat auch literarische Werke verewigt. Das amüsanteste ist die Terrakotte der Sieben Schwaben. Im gleichnamigen Märchen wollen sieben Schwaben durch die Welt ziehen und Abenteuer erleben. Auf ihrer Reise begegnen sie schließlich einem „wahren Untier“. Mit langen Ohren liegt es auf einer Wiese und schläft. Sie vermuten, dass es sich um einen Drachen handeln könnte oder sogar den Teufel selbst und beschließen das Untier mit ihrem langen Spieß anzugreifen. Das Tier aber entpuppt sich als Hase und läuft, ganz nach Hasenart, davon. Die sieben Schwaben aber stolpern teils mehr teils weniger geschickt über ihre eigenen Beine. Sie entpuppen sich als echte Angsthasen, die mehr von Wichtigtuerei und Feigheit als von Heldenmut geprägt sind. Wer genau hinschaut kann auf dem Grenzstein übrigens ein Wappen mit drei Hirschstangen entdecken. Es ist sowohl das Wappen des Königreichs Württemberg als auch das der Landgrafschaft Nellenburg. Ein Schelm wer Böses dabei denkt!

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